Führer durch das Kampthal und das Thayathal aus dem Jahre 1890

Wanderführer
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Alte Wanderbücher sind rar. Um so mehr freut es uns jetzt im Besitz des Wanderführers aus dem Jahre 1890 zu sein, der sich mit unserer unmittelbaren Heimat beschäftigt.

Die ursprüngliche Ausgabe „Zwettl und das Kampthal“ wird in seiner zweiten Auflage durch das Thayathal erweitert und stammt aus der Feder von Josef Rabl.


Begleiten wir nun den Autor durch das Kamptal von Zwettl bis zur Gschwendtmühle und zitieren aus seinem Text:

Der Kamp mit seinen Schlangenwindungen und seinem herrlichen romantischen Waldgehege ist eine ebenso originelle als reizende und köstliche Perle unter den Flüssen unseres Landes, und jene seiner Thalpartien, welche zur Umgebung Zwettls gehören, sind in landschaftlicher Beziehung wahrlich nicht die geringsten. Ohne grossen Aufwand romantischer Effecte tritt uns hier die ganze wunderbar fesselnde Poesie eines Waldstromes entgegen; man wandert bald knapp am Ufer, bald über demselben und schaut zwischen mächtigen Baumstämmen, die ihre Aeste zum Flusse niederstrecken, in die mannigfach nuancirte bräunliche Fluth; an manchen Stellen ist die Farbe des Wassers ein Bersteingelb, an anderen wie geräucherter Meerschaum, hier capuzinerbraun und dort fast schwarz.


Kamptal
Kamptal
Kamptal
Kamptal

Der Flussverlauf hat sich die letzten hundert Jahren nicht verändert, ebenso das bersteinfarbige Wasser im Sonnenlicht.


Wer Einsamkeit sucht, wer die Eindrücke liebt, welche malerische Waldgruppen und Wiesengründe, vereint mit dem Rauschen eines schönen, dunkelgründigen Waldflusses ausüben, der wird sein Ideal im Kampthale finden, wo überdies die harzwürzige, mit Ozon geschwängerte Luft seine Lungen erfrischt, sowie ase mannigfaltig schattirte Grün seine Augen erquickt.


ehemalige Zwettlbrücke
ehemalige Zwettlbrücke
ehemaliger Stadtpark
ehemaliger Stadtpark

Auch diese Beschreibung stimmt heute noch voll und ganz.


Die Zwettlbrücke überschreitend, gelangen wir von der Stadt zu den Häusern der Koppenzeile, ober welchen sich in steilen Felsen der Propsteiberg erhebt.


ehemalige Kampbrücke
ehemalige Kampbrücke
ehemaliges Kampbad
ehemaliges Kampbad

Die Zwettlbrücke von damals muss einer breiteren Betonbrücke weichen. Den Felsen, wie auf einer alten Malerei ersichtlich, gibt es in dieser blanken Form nicht mehr. Auch die Koppenzeil, die früher aus kleinen Häusern, deren Besitzer bei der Herrschaft Propstei Zwettl als Drescher und Putzer (Kopper) beschäftigt sind, hat ihr Aussehen stark verändert.


ehemalige Steinwand
ehemalige Steinwand
ehemalige Brünnlkapelle
ehemalige Brünnlkapelle


Haben wir die, rechts oberhalb der Strasse liegende Brünnlkapelle erreicht, so erweitert sich das Thal, in dem nun der Kamp seine Fluth hinter Erlenbüschen birgt; am rechten Ufer steigt ein steiler, mit gemischtem Wald bewachsener Abhang hinan; am linken Ufer dehnen sich Wiesen hin, von welchen das Terrain in sanfterer Hebung, mit Ackerland bedeckt, bis zur Propstei hinaufzieht.


Kamptal
Kamptal
Buntspecht
Buntspecht

Die Bründlkapelle von damals ist ein kleiner quadratischer Bau aus dem Jahre 1846. Dieser Bau bildet heute das Presbyterium der im Jahre 1897 errichteten Bründlkirche, so wie wir sie heute kennen. Hinter dem Hochaltar befindet sich noch die gefasste Quelle, von der viele Zwettler unten bei der Grotte Wasser holen.


Hierauf kommen wir zur Waldbrücke, die auf’s rechte Ufer hinüberführt; von hier ist der Weg durch das ganze obere Kampthal blauroth markirt; Hier krümmen sich Thal und Fluss; am rechten Ufer herrscht Nadelwald, am linken zieht eine grüne Halde zum Dorfe Moidrams empor; bei dieser Thalwendung führt der Kamp die Bezeichnung Rosstümpel und bildet viele waldumbuschte Badeplätze, welche an schönen Sommerabenden auch von den Zwettlern viel benützt werden.


ehemalige Kaiserbüste
ehemalige Kaiserbüste
ehemaliges E-Werk
ehemaliges E-Werk

Die alte Waldbrücke wird zwischenzeitlich erneuert und die blauroten Markierungen sind rot-weiß-roten Markierungen und gelben Wegweisern gewichen. Die Zwettler gehen jetzt lieber in das Zwettlbad oder in das Sonnenbad im Kamptal schräg gegenüber der Bründlkapelle.


Weiterhin umschliesst den schlängelnden Lauf des Kamp ein von gemischten Waldbeständen bekränztes Wiesenthal; dann folgt eine Thalenge, wo das linke Ufer sich schroff, felsig und fichtenbewachsen emporthürmt; durch diese romantisch-ernste Waldscenerie leitet ein Holzweg oder näher am Wasser ein schmaler Fusssteig. An zwei Quellen vorüber, welche vom Gehänge des rechten Ufers über Felsgestein herabplätschernd, artige kleine Wasserfälle bilden, und vor denen Ruheplätze errichtet sind, kommen wir wieder in eine ernstere Gegend, wo abermals graue moosüberkleidete Felshänge, an denen grüne Fichten aufwärts streben, das linke Ufer bilden.


Dieser Abschnitt der damaligen Wanderbeschreibung hat sich stark verändert. Nicht die Natur an sich, die hat nichts an ihrer Vielfalt verloren.

Beim ersten beschriebenen Wasserfall mit dem Ruheplatz wird die Kaiserbüste errichtet. Im Juli 1898 fasst der Verschönerungsverein Zwettl unter seinem Obmann Franz Beydi den Entschluss, anlässlich des 50-jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josefs im Kamptal flussaufwärts der Stadt, an dem Weg zum eben fertiggestellten Elektrizitätswerk, ein Denkmal zu erbauen. Man kommt überein, auf dem Platz beim ersten kleinen Wasserfall eine Empore mit einer steinernen Balustrade zu errichten, auf der ein Bildnis des Kaisers in Form einer Büste aufgestellt und eine Widmungstafel angebracht werden soll. Nachdem die Zustimmung des Kaisers zu diesem Vorhaben eingelangt ist, setzt man es um und kann die Anlage am 30. Oktober 1898 eröffnen. Als nach dem Zerfall der Monarchie und den beiden großen Kriegen die Verehrung für das ehemalige Herrscherhaus stark abgenommen hat, verfällt die Anlage zusehends, die Büste des Kaisers und die Gedenktafel werden von Unbekannten entfernt. 1984 schafft die Gemeinde in Zusammenarbeit mit den Naturfreunden und der örtlichen Sparkasse eine Gedenktafel mit einem Reliefbild Kaiser Franz Josefs an. Die Anlage wird im Volksmund nach wie vor Kaiserbüste genannt.

Kurz nach dem zweiten Wasserfall, den man heute noch sehr gut erkennen kann, wird am 6. Jänner 1898 das Zwettler E-Werk in Betrieb genommen. Im Jahre 1892, als die Nutzung der elektrischen Energie auf der ganzen Welt noch in ihren Anfängen steckt, fassen drei Zwettler Geschäftsleute den kühnen Entschluss, in dieser Stadt eine „elektrische Kraft- und Licht-Centrale“ (= ein Kraftwerk) zu errichten. Es sind das der 40-jährige Müllermeister Alois Wichtl (Kuenringerstraße 3), der Gastwirt Karl Löscher (Ottenschlager Straße 2), damals gerade 38 Jahre alt und der 43-jährige Tischlermeister Friedrich Göschl (Kamptalstraße 22). Am 26. Oktober 2010 wird der Neubau des EVN Kleinwasserkraftwerks Zwettl abgeschlossen. Das historische Kraftwerk sinkt in einen Dornröschenschlaf.


Kamptal
Kamptal
Wasseramsel
Wasseramsel

Die Felsblöcke im Kampbett haben sich seit damals nicht verändert. Der beschriebene Felsen am linken Kampufer ist nun als Kaltenbrunnerfelsen bekannt und als Wanderweg begehbar. Den Werkskanal von der Gschwendtmühle bis zum Kraftwerk gibt es im alten Wanderführer natürlich auch noch nicht.


Die folgende Strecke entzückt durch die malerische Gruppirung von Wald und Fels; grosse Felsblöcke liegen im Bette des Kamp und zwingen ihn, rauschend seine Stimme zu erheben; auch die schöne Umkleidung der Felsbildungen am linken Ufer fesselt den Blick.


ehemalige Gschwendtmühle
ehemalige Gschwendtmühle
ehemalige Gschwendtmühle
ehemalige Gschwendtmühle

Teile der alten Gebäude sind bis heute erhalten, die Mühle selbst hat ihren Betrieb schon lange eingestellt. Die Wehr, die mit dem Bau des Kraftwerkes erneuert wird, erfüllt noch immer seine Aufgabe.


Hierauf weitet sich das Thal etwas, und hier liegt die Gschwendtmühle zur Linken des Flusses. Diese von Wiesgründen und dunklen Waldrändern umgebene Mühle wird von einer grauen Felspartie überragt und muss mit dem schäumenden Wassersturz am Wehr und den etwas morschen und complicirten Holz- und Bretterbauten als eine köstliche Malerstudie bezeichnet werden. Sie bestand schon im Jahre 1187.


Josef Rabl (* 19. Januar 1844 in Wien; † 29. August 1923 in Wien) ist ein österreichischer Alpinist und Reisebuchautor. Er arbeitet zunächst als Bankbeamter, wendet sich dann aber ungefähr ab seinem 30. Lebensjahr voll und ganz der alpinen Schriftstellerei zu. Zu Beginn ist er in der Zeitschrift „Der Tourist“ tätig. Er verfasst in der Folge unzählige Fachartikel und Reiseführer. 1882 wird er Ehrenbürger von Dölsach. Legendär ist sein „Tauernbahnführer“ (1906), wo die Fahrten auf den „Neuen österreichischen Alpenbahnen“ erstmals detailliert geschildert werden. Im Alter ist Rabl verarmt, krank und kann nur durch die Hilfe von Freunden überleben.


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