Der Sitz eines slawischen Fürsten

>> Länge: 2,8 km | Höhe: 62 m | Dauer: 00:45 <<

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Fährt man entlang der Straße zwischen Tautendorf und Thunau am Kamp, westlich und oberhalb des Kamptales gelegen, dann kommt man bei einem interessanten Hinweisschild vorbei: „Der Sitz eines slawischen Fürsten – Fußweg 500 m“.


Fotos aufgenommen im Oktober 2020
Wandern im flachen GeländeDer gleiche Weg zurück !Keine durchgehende Beschilderung !

Wir starten also im Nebel am kleinen Parkplatz neben der Straße und begeben uns auf Entdeckungstour. Zuerst flach durch den Laubwald, dann leicht bergab fallend, wandern wir durch ein urzeitliches Siedlungsgebiet entlang eines Bergrückens Richtung Kamptal. Kurz darauf treffen wir auf einen frühmittelalterlichen Befestigungswall.

Thunau am Kamp

Eine Informationstafel gibt uns erste Auskünfte.

Diese archäologische Fundstelle ist seit 1800 bekannt. Funde im Krahuletz-Museum in Eggenburg und im Höbarthmuseum in Horn belegen die frühe Sammeltätigkeit und Grabungsarbeit der beiden Heimatforscher, Johann Krahuletz und Josef Höbarth, die als Ahnväter der archäologischen Forschung in dieser Region anerkannt sind. Seit dem Jahr 1965 werden von der Universität Wien mit finanzieller Unterstützung der Niederösterreichischen Landesregierung archäologische Ausgrabungen durchgeführt, um diese bedeutende Burganlage wissenschaftlich zu erforschen.


Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Rechts vom Hauptweg liegt nahe an der Böschungskante das nachgebaute Südtor mit einem kurzen Stück Wallkonstruktion. Dieser Durchgang war für Personen zu Fuß passierbar. Die Ausgrabung erbrachte zum Teil noch 1 bis 1,6 m hoch aufgehendes Mauerwerk der Blendmauer. Es blieb in der Rekonstruktion erhalten. Nur der obere Teil des Walles und das Holzkastenwerk wurden probeweise ein Stück wieder aufgebaut. Das Tor war original aus Eichenstämmen errichtet.

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp
Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Auf der anderen Seite vom Hauptweg, am nordöstlichen Rand des Walles, liegt das Nordtor der Befestigung und führt in die Schanze. Der Weg, auf dem es erreicht werden konnte, ging entlang des mächtigen Nordwalles, sodass jeder, der hier entlang kam, seine ungeschützte rechte Seite zeigen musste. Die Einfahrt war breit genug für Berittene und Fuhrwerke, um hier ungehindert zu passieren. Vom Tor selbst sind nur die beiden aus Granulitplatten errichteten Flanken erhalten sowie die sechs Pfostenlöcher des wahrscheinlich zweistöckigen Turmes.

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Nun wird der Höhenrücken sehr schmal. Rechterhand folgt uns der Befestigungswall vom Südtor kommend. Linkerhand geht es steil hinunter. Der Weg führt durch einen noch älteren Befestigungswall aus der Urnenfelderkultur (späte Bronzezeit). Sie bestand von etwa 1300 bis 800 vor Christus.

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

In der jüngeren und späten Urnenfelderzeit (1050–800/750 v. Chr.) existierte auf dem Höhenrücken oberhalb von Thunau, auf der sog. „Holzwiese“, eine große Siedlungsanlage mit Abschnittsbefestigung. Auf Grund der Lage, Bewehrung und Größe kann eine zentrale Funktion für die Region angenommen werden. Die Siedlung ist von Osten, Norden und Süden durch einen natürlichen Steilabfall weitgehend unzugänglich. Im Westen, zur übrigen Hochfläche hin, wurde an der schmalsten Stelle des Geländerückens eine Abschnittsbefestigung errichtet.

Der Wall verläuft vom südwestlichen Ende der „Holzwiese“, wo er direkt an einem Steilhang ansetzt, bogenförmig in Richtung Nordwesten. Er hat hier eine Basisbreite von fast 20 m und eine heute noch erhaltene Höhe von über 3 m und ist im nördlichen Verlauf noch fast bis ins Tal zu verfolgen.

Gleich nach dem Walldurchbruch kommen wir auf die obere Holzwiese. Hier fand im Frühmittelalter eine intensive Siedlungstätigkeit statt, die Siedlungsobjekte sowie Befestigungsanlagen der Bronze- bzw. Eisenzeit überlagerte.

Das Gräberfeld mit seinen 215 Bestattungen ist der mit Abstand größte archäologisch untersuchte Bestattungsplatz der Karolingerzeit Österreichs nördlich der Donau. Dieses steht in Verbindung mit einem Herrenhof, der sich ebenfalls auf dieser zentralen Hochfläche des frühmittelalterlichen Zentralortes am Schanzberg befand.

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Mit dem Wissen, dass sich hier unter der Wiese 215 Gräber befinden, wandern wir weiter zur unteren Holzwiese.

Hier stand die älteste Kirche Österreichs nördlich der Donau, deren Grundmauern im Jahre 1986 freigelegt wurden. Vermutlich wurde sie im Laufe des 9. Jahrhunderts nach karolingischem Vorbild errichtet. In dieser Zeit entwickelte sich auf der Holzwiese eine ausgedehnte Streusiedlung, die schließlich nach fränkischem Vorbild einem mit Palisaden umwehrten Herrenhof wich.

Das rechteckige Schiff dieser Kirche mit den Maßen von 26 zu 20 nach karolingischem Fußmaß (9 m x 6,8 m) und die abgesetzte halbrunde Apsis waren aus Granulitplatten, die mit Kalkmörtel gebunden waren, aufgebaut. Die Thunauer Kirche entspricht vom Typ und ihren Abmessungen her vollkommen einer Kirche in Mikulcice, dem Zentrum des Großmährischen Reiches. Mit dem Ende der slawischen Burg auf dem Schanzberg verlor auch das Gotteshaus seine aktive Aufgabe. Im Hochmittelalter wurden die Steinmauern der Kirche abgebrochen, die Steinplatten dienten als Baumaterial für die jetzige Ruine Schimmelsprung.

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Ein Stein aus dem Fundament dieser Kirche wurde 1988 in die neue Kapelle von Zitternberg, zu der man von diesem Standort aus Sichtverbindung hat, eingemauert (wenn die Bäume nicht schon so hoch wären).

Zitternberg
Zitternberg
Zitternberg
Zitternberg

Über das Ende der Siedlung von Thunau vermuten die Wissenschaftler, dass diese in der stürmischen Zeit der Ungarnkriege zwischen 907 und 955 von den Ungarn zerstört wurde, danach verfiel sie.

Thunau am Kamp
Thunau am Kamp

Nach einem Blick vom Steilhang Schimmelsprung in das im Nebel liegende Thunau am Kamp mit der Burgruine Gars und der Ortschaft Zitternberg mit der Kapelle ganz im Hintergrund, geht es den gleichen Weg zurück.

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