Wo die Steine Namen tragen

Während man unsere Berge schon länger mit Namen bezeichnet, so ist das bei einzelnen Felsen oder Steinen kaum der Fall. Im Waldviertel ist das anders. Nun – wie kam es dazu?

Vor einigen Millionen Jahren zog sich quer durch das Waldviertel der Strand eines Südseeparadieses. Kaum zu glauben, sagen doch manche böse Zungen zuweilen Kaltviertel zum Waldviertel. Nicht überflutet war das Hochplateau des nördlichen und westlichen Waldviertels.

Wind und Wetter schliffen und polierten tagein, tagaus jene Steinformationen, die heute Restlinge genannt werden, sind sie doch die Oberflächenreste, des unterirdischen Granitmassivs. Die Art und Weise übrigens, wie die Natur die Steinkanten nahezu weich modellierte, wird mit einem hübsch klingenden Fachwort bezeichnet: Wollsackverwitterung.

Das Meer schrumpfte, wurde zum Binnenmeer und trocknete nach tektonischen Verschiebungen gänzlich aus. Zum Vorschein kamen die tiefer gelegenen Teile des Granit- und Gneismassivs. Nun konnten Wind und Wetter auch hier die Landschaft modellieren, Flusstäler ausspülen und spektakuläre Hohlräume entstehen lassen.

Dann wurde es kalt, das Klima änderte sich dramatisch, die Eiszeit begann, weite Teile Mitteleuropas vergletscherten. Nicht aber das Waldviertel, es wurde zur Kältesteppe, zur Tundra.

Nach der letzten Eiszeit bekam das Waldviertel langsam sein heutiges Aussehen.

Nur die Restlinge blieben gelassen, wogten im äußersten Fall als Wackelsteine behäbig und wie zeitgebremst ein wenig hin und her, um dann wieder zu ruhen für ein paar Millionen Jährchen.

Wer so lange überlebt, der sollte auch einen Namen bekommen, zu mindestens die ganz besonderen ihrer Art.

Die Weißenbachklamm

Südlich von der Stadt Zwettl liegt, eingebettet in tiefe Wälder, die Weißenbachklamm. Attribute wie wildromantisch, weltabgeschieden oder ursprünglich trägt dieses Naturjuwel ganz zu Recht.

Weißenbachklamm

Der Weißenbach entspringt in den „Mühlauwiesen“ in Großweißenbach, durchfließt fast unmerklich den Ort und wendet sich dann in einem großen Bogen Richtung Westen. Er teilt die nördlich der Ortschaft liegenden „Langwiesen“ und bahnt sich dann den Weg durch den Hochwald Richtung Kamp. Die eigentliche Klamm ist nur ein kurzer Abschnitt.

Der schönste Teil des Tales samt der Weißenbachklamm wird seit dem Jahre 1947 vom Naturfreundeweg 3 erschlossen. Später kamen dann der Riesensteig 20 und der Hundertwasserweg 55 dazu, die ebenfalls durch die Klamm verlaufen.
 
 

Die am besten gehüteten Geheimnisse sind oft die schönsten.

 
 

Die Weißenbachklamm fristete lange Zeit eine Außenseiterrolle, ist nicht vielen Menschen bekannt und wahrscheinlich genau deshalb so faszinierend. Die Waldschlucht besteht aus Granitblockmeeren, vielen kleinen Wasserfällen und jeder Menge Grün.



Fotos aufgenommen im Juli 2020
Wandern im hügeligen GeländeDurchgehende Beschilderung !